Der „Schmuckkasten“ — Das Stadttheater in Kecskemét

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Péter Cseke verbrachte seine Kindheit in Nagyvárad, besser gesagt, im Theater von Nagyvárad in Westrumänien. Der junge Mann wusste immer, er wird einmal ein Theater leiten. Als Direktor steht er seit August 2008 an der Spitze des Kecskeméter Katona József Theaters. Im Jahre 2020 wurde er neugewählt. Er meint, gutes Theater ist so etwas, wie eine gute Bibliothek. Jeder findet hier nach seinem eigenen Geschmack das passende Werk. Die Zahl der Zuschauer nimmt im Theater der „hírös“ („berühmten“) Stadt Kecskemét von Jahr zu Jahr zu. Für Cseke aber sei das nicht die wirkliche Messlatte für den Erfolg.

Péter Cseke, der als Kind jede Ecke des Nagyvárader Theaters kannte, verbringt seinen Alltag in dem „Alter ego“ des dortigen Gebäudes. — Alles ist im Kecskeméter Theater an derselben Stelle, wie im Theater in meiner Geburtsstadt— erinnert sich Péter Cseke, der als Kind eines Schauspielerehepaares das Licht der Welt erblickte. Sein Vater, Sándor Cseke, ein von der Stadt gefeierter, berühmter Schauspieler, seine Mutter, Beatrix Reidinger oder mit Künstlernamen Bea Révi,  verzauberte mit ihrem Lächeln das Publikum. Als ich geboren wurde, fand gerade ein Galaprogramm im Theater statt, in dem auch mein Vater spielte. Der Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung der Stadt rief ihn, als ich geboren wurde, am Regiepult hinter dem Vorhang an. Mein Vater betrat die Bühne und meldete dem Publikum: „Ich begrüße Sie ganz herzlich, mein Sohn und ich“. Die Nachricht wurde mit riesigem Applaus belohnt. Als Kind habe ich dann viel Zeit im Nagyvárader Theater verbracht, praktisch bin ich dort aufgewachsen. Noch heute spüre ich den Theaterduft in meiner Nase, erzählt der Direktor.

Péter Cseke war erst drei Jahre alt, als er seine erste Theaterrolle auswendig lernte. Er spielte nämlich in dem Zimmer, wo sein Vater seine Rolle mit lautem Vorlesen einübte. Zur größten Überraschung der Eltern sagte auf einmal der kleine Bube die Rolle Wort für Wort auf. Daraufhin bat Sándor Cseke den Regisseur darum, sich zusammen mit seinem Sohn ins Rampenlicht stellen zu dürfen. „Ich bekam die gleichen Kleidungsstücke, die auch er trug. Ich hatte sogar einen winzigen, falschen Bart und spielte dieselbe Rolle, wie er. Von diesem Zeitpunkt an spielte sich mein Leben eben im Theater ab. Damals gehörte aber meine Liebe dem Fußball. Ich spielte in der Budapester Mannschaft Újpesti Dózsa (heute: UTE), als mir der Vorschlag gemacht wurde, ich solle mit der Schule aufhören, und das Abitur erst später durch ein Fernstudium absolvieren. Meine Mutter war allerdings damit nicht einverstanden. So wurde aus mir kein Profi-Fußballspieler, was ich aber überhaupt nicht bedauere.“

  Vom Schauspieler bis zum Stuhl des Direktors

Der Direktor des Katona József Theaters kann schon auf mehr als hundert gespielte Rollen blicken. Seine Vorliebe gehört immer der aktuellen Rolle, der, in deren Haut er gerade schlüpft, worauf er sich eben gerade vorbereitet. Meine Karriere hatte natürlich Stationen, die mich prägten. Dazu gehörten zum Beispiel während meiner Studienzeit die Hauptrollen, die ich auf der Bühne des Komödientheaters darstellte (Vígszínház in Budapest) oder eben das Prüfungsstück, das Kabarett, in dem ich den Conférencier spielte.

Neben der Schauspielkunst versuchte er sich schon an der Hochschule in der Regie. Bereits damals sah er das ganze Stück vor sich und war nicht nur mit seiner eigenen Rolle beschäftigt. Mich interessierte immer die Ganzheit, deshalb wollte ich auch die Fakultät für Regisseure mit einem zweiten Studium absolvieren. Ich gehörte dem TheaterEnsemble des Budapester Madách Theater an, als der Direktor, Ottó Ádám, eine Regisseur-Klasse an der Hochschule startete. Ich verriet ihm, dass ich an der Ausbildung gerne teilnehmen würde. Bei der letzten Aufnahmeprüfung nahm er mich beiseite und teilte mir mit, er würde mich nicht in der Klasse haben wollen. Er meinte, ich bräuchte mich nicht drei Jahre lang auf die Schulbank zu setzen, denn auch so würde ich Regie führen. Und das hat sich als richtig erwiesen.

Allerdings war der Weg von der ersten Theaterrolle bis zum Direktorenstuhl lang, aber für Péter Cseke stand immer fest, wohin er wollte. Ich wusste von Kindesbeinen an, dass ich einmal ein Theater leiten werde. Die Frage war nur, wann kommt der Zeitpunkt, an dem ich das nötige Rüstzeug für diese Aufgabe habe. Als man mich als Theaterdirektor nach Debrecen rief, bat ich um einen Tag Bedenkzeit, um den Rat meiner Familie einzuholen. Meine ältere Tochter stand damals gerade vor der Abiturprüfung, die Jüngere wechselte eben die Schule, so dass sie nicht nach Debrecen ziehen wollten. Später bekam ich das Angebot von István Verebes, nach Nyíregyháza zu kommen, um sein Nachfolger zu werden. Aber auch das schlug fehl. Wahrscheinlich wollte es der liebe Gott so! Ich war diesen Aufgaben damals einfach noch nicht gewachsen.

  Im Dienste der Stadt und des Publikums

Als man 2008 einen Direktor am Theater in Kecskemét suchte, entschied Péter Cseke, sich um diese Stelle zu bewerben. Der Stadtrat stimmte zu, so konnte er sich im August 2008 an die Arbeit machen. Ich schaute mir viele Stücke an, so wusste ich genau, über welche Schwächen und welche Stärken das Ensemble verfügt.

Es gab viele ausgezeichnete Schauspieler, aber unter ihnen wenig junge Leute und zu viele Frauen, obwohl Dramenschriftsteller sehr sparsam mit weiblichen Rollen umgehen. Innerhalb von vier Jahren gestaltete ich das Ensemble um. Hier angekommen, sah ich auch, dass es ein wirtschaftlich unübersichtliches Theater war. So war es einer meiner ersten Aufgaben, hier Ordnung zu schaffen.

Péter Cseke hat jetzt das Gefühl, das Theater nähere sich seinen Vorstellungen. Er steht jetzt dazu, dass dies sein Theaterensemble ist. Wir wollen auch mit neuen Ideen und Initiativen der Stadt dienen. Deshalb organisierten wir u.a. Veranstaltungen, wie den Schauspielerball, das Musiker Treffen im Theater und das „SZÍNTÁR-Festival“, das Schauspielstudenten ermöglicht, sich vorzustellen. Wir veranstalteten Kindertage, Kulissenbesichtigungen gemeinsam mit dem Publikum und arbeiten mit der Polizei sowie der Hochschule zusammen.

 Die Messlatte des Erfolges

Péter Cseke ist der Meinung, er hätte im Kecskeméter Publikum empfindsame und gutherzige Besucher gefunden. Es sei auch kein Zufall, dass es in der „hírös“ Stadt seit mehr als 120 Jahren ein Theater gäbe. Ich bin überzeugt, ein Theater auf dem Lande muss seinen Dienst so versehen, wie eine gute Bibliothek, in der jeder etwas für seinen Geschmack findet. Gleichrangig ist jedoch auch die Qualität der Vorführungen. Meiner Meinung nach muss man das künstlerische Niveau ständig anheben, ohne aber dabei die Hand des Publikums loszulassen. Sprechen wir über Verantwortung der Schriftkundigen, so müssen wir ebenso über Verantwortung der Theaterleiter und der Theatermacher sprechen. Sollen doch Kinder und Jugendliche, die hierher kommen, solche Erlebnisse mitnehmen, die sie ein Leben lang begleiten.

Die Einweihung des Theaters durch den Kalocsaer Erzbischof Dr. Balázs Bábel 2016
Das Publikum singt

In den vergangenen vier Jahren wurden Ende des Jahres immer die Zuschauerrekorde gebrochen. In einer Saison besuchen über 100 Tausend Menschen die Aufführungen des Theaters. Neben der in Daten gemessenen Beliebtheit gibt es aber auch einen anderen Faktor, der für einen Direktor den echten Erfolg bedeutet. Theater ist eine Art Gemeinschaftszeremonie, die ohne Zuschauer unvorstellbar wäre. Wenn ich mich in die Direktorenloge setze und höre, wie das Publikum gemeinsam mit dem Stück atmet, ist das der wirkliche Erfolg für mich! Kommt diese Synthese zustande, wird ein Wunder wahr. Ich höre den Erfolg im Theatersaal: an der Stille, im Lachen oder eben zwischen den Tränen.

Kecskemét, 29. 05. 2014.
Fotó: Ujvári Sándor

Ohne Sprachbarrieren

Péter Cseke ist der Meinung, dass auch Sprachbarrieren kein Hindernis für das Theater sein dürfen. Wir haben eine Dolmetscheranlage gekauft, damit auch die deutsche Bevölkerung der Stadt und der Umgebung am Theaterleben teilhaben kann. Wenn man es uns ankündigt, dass man sich eine unserer Aufführungen anschauen will, lassen wir das Stück ins Deutsche übersetzen, versprach der Direktor.

Lajos Káposzta – Eva-Marie Meissner