Die Postleitzahl – manchmal ein Abenteuer!

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Diese lustige Geschichte wurde vom zweisprachigen Humoristen, Siegfried Brachfeld in den 1960-er Jahren verfasst. Wäre es heute — in anderen Lebensbereichen — auch vorstellbar?

Auch in Ungarn werden schon seit längerer Zeit auf Briefen und Karten Zahlen unter die Namen der Dörfer, Städte und Stadtbezirke gesetzt, um der Post die Verteilung zu erleichtern. Auch hier war es für die Briefschreiber gewiß nicht einfach, sich an diese Umstellung zu gewöhnen; denn erstens sollte die eigene vierstellige Postleitzahl des Absenders auswendig gelernt werden, und dann bei jedem Brief, jeder Karte im eigens dafür herausgegebenen Büchlein die entsprechende Zahl für den bestimmten Ort bzw. Straße gesucht werden.

Da gibt es also das bekannte Heftchen mit dem rotschnabeligen Raben auf dem Deckel. Übrigens der Rabe stammt aus dem Wappen des Matthias Corvinus, der laut Legende dem jungen Matthias, als er noch nicht König, sondern Gefangener des böhmischen Königs war, in wenigen Stunden den Brief seiner Mutter im Schnabel übermittelte.

Das Heft enthält eine Unmenge Zahlen, alphabetisch geordnet für alle neuen Postleitbezirke, in die die Hauptstadt eingeteilt ist. Es gibt aber außerdem noch ein gleiches Heft mit den Zahlen für die anderen fünf Großstädte und ihre Bezirke. Wer also die Postleitzahlen der Stadt Debrecen sucht, findet sie in dem andren Büchlein.

Sucht man jedoch nach den Leitzahlen von Szekesfehervár — eine ebenfalls alte und ansehnliche Stadt, so findet man sie in einem dritten Büchlein. Natürlich hätte man bei der Post auch alle drei in einem vereinen können, ich meine z. B. bei Budapest anstelle des Hinweises auf die Stadtbezirksleitzahlen im anderen Heft, diese gleich fortlaufend dort aufführen können. Aber das wäre zu einfach. Auf einen so einfachen Gedanken kommen im Allgemeinen die Menschen schwerlich, die von und mit Postleitzahlen leben. Man ist da sozusagen von Zahlen berauscht, befangen oder gar gefangen. Das beweist schon, dass es in Budapest mit den Leitzahlen der Bezirke erst bei 1.000 beginnt, obwohl es doch nach Adam Riese bei 1 beginnen könnte.

Als ich diesen einfachen, aber, ich gebe zu, recht unfachkundigen Gedanken einmal habe laut werden lassen, schüttelten die Fachleute von der Post über einen derartigen Unsinn ihre zahlenträchtigen Köpfe; denn das gäbe doch Anlass zu unmöglichen Verwechslungen. Ich habe darüber selbstkritisch nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, daß z.B. bei 1.000 doch viel leichter eine Null vergessen oder weggelassen werden kann, als bei einer Zahl, bei der es keine Nullen gibt, Abgesehen davon ist es mir nicht gleichgültig, ob die Nullen rechts stehen oder links.

Wie doch aber auch ohne alle Postleitzahlen, ja selbst ohne Adresse einer seinen Brief erhält, bewies mir kürzlich folgende kleine Begebenheit: Ein Landmann —  man sah es an seiner Festtagskleidung, dem schwarzen Hut, der schwarzen Joppe und der in schwarzen Schaftstiefeln steckenden Hose – machte Winterurlaub vom Arbeitsplatz und von Haus und Familie in einem der Gewerkschaftsheime der Budaer Berge. Er schrieb mit großer Mühe, ich sah es ihm an, auf einer Budapester Ansichtskarte nach Haus. Als Adresse stand nichts weiter als:

„An meine Frau in Fenékpuszta.

Wenn sie nicht hinten im Gärtchen ist, ist sie in der Küche.”
Und welch Wunder, die Karte ist angekommen!!!

Aus dem Band „Warum ist die Krone schief? — Ein bißchen Ungarn“ (Pester Lloyd Verlag, Budapest)