Der ungarische Mann

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Eine Ungarn-Glosse vom deutsch-ungarischen Journalisten, Siegfried Brachfeld

Die Meinung der Frauen über den ungarischen Mann ist voller Widersprüche: bezaubernd und ohne Sinn für Romantik, zärtlich und ungeschlacht, feurig, aber durch und durch untreu, Vieles versprechend und nichts haltend, gutherzig, kaltschnäuzig, grob, einschmeichelnd, zu Strohfeuern neigend, jähzornig, einfallsreich, einfältig, kindisch, klug, feinfühlig, mit ausgeprägtem Familiensinn, großzügig, geizig, unzuverlässig, alkohol-, vergnügungs- und eroberungssüchtig.
Und welche Meinung haben Sie vom ungarischen Mann, verehrte Leserin? Ausländerinnen behaupten, sie würden sich in der Gesellschaft eines ungarischen Mannes wohlfühlen, einfach, weil er ein Mann ist. Manche glauben auch, es stecke noch etwas von einer ursprünglichen Wildheit in ihm. Gewiß empfindet das eine nichtungarische Frau anders als die einheimische Geschlechtsgenossin, die sich, wenn es auch mancherseits immer noch bestritten wird, dass ihre Vorfahren einst mit den ungarischen Stämmen aus Asien über die Karpaten eingewandert sind, im Laufe von rund tausend Jahren nur recht schwer damit abgefunden hat, dass der Mann „ura es parancsolója”, ihr Herr und Gebieter ist…. und sich auch häufig noch so benimmt.
Nun hat die neue Zeit zwar die Parität zwischen Mann und Frau hergestellt, aber Papier ist bekanntlich geduldig und die Wurzeln der Tradition sind oft noch recht fest verhaftet.
Einer der großen Dichter der ungarischen Romantik, Dániel Berzsenyi, unternahm in seinem Gedicht „Die Tänze“ den Versuch, von den Volkstänzen der verschiedenen Völker auf den Charakter ihrer jeweiligen Männer zu schließen. Beim Ungarn heißt es da:

Pindaros gleich der Magyar,
von Leidenschaften durchlodert,
feurig verkündet sein Schritt,
was ihn im Taumel bewegt.

Bald ist er schwebender Windhauch,
Bald sich verzehrende Sehnsucht,
und seiner Sinnlichkeit Glut
webt er zu tanzender Zier.

(übertragen von Kerpel-Claudius)

Ungefähr einhundertfünzig Jahre sind vergangen, seit der Dichter diese Verse schrieb. Im ungarischen Leben hat sich doch einiges verändert. Aber noch heute kann man beobachten, wie ein Magyar, wenn es ihn gepackt hat, zum Tanz antritt und „feurig verkündet”, was ihn „im Taumel bewegt”. War es seinerzeit der feurige Csárdás, so sind es heute die heißen Pop-Rhythmen, die den Tänzer vom Stuhl reißen, Und wenn gar der Alkohol die Hirnbremsen löst, dann kullern dicke Tränen an dem feurigen Kerl herunter, dann fängt er förmlich an zu dampfen ! Und nun ist unser Ungar soweit, dass er an der Brust der Geliebten um die verlorene Mutter oder an der Mutterbrust um die verlorene Geliebte heult, dann steigert er sich in eine Stimmung hinein, in der er unter Éljen-Rufen alles in Scherben zerschlagen möchte.
Im Übrigen ist der ungarische Mann als solcher treu und überzeugt davon, dass seine die beste Ehefrau von allen ist und zwar solange, bis er sich vom Gegenteil überzeugt hat.

(Aus dem Band „Warum ist die Krone schief“ — Pester Lloyd Verlag. 2003.)