Es war nicht immer einfach katholisch zu sein…

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Beginn der Auswanderung aus Südwestdeutschland vor 300 Jahren

Ulmer Schachtel — so nennt man den Bootstyp, mit dem zigtausende Deutsche im 18. Jh. in das Königreich Ungarn kamen, um ein neues Leben zu beginnen. Diejenigen, die auf der Donau diese lange Reise machten, nennt die Geschichtswissenschaft „Donauschwaben“. Ihre späteren Siedlungsgebiete lagen und liegen z.T. auch noch heute an der Donau wie im Komitat Gran/Esztergom, Pest, Bács-Kiskun, Tolnau/Tolna und Branau/Baranya, sowie in der Woiwodina im früheren Jugoslawien und im Banat, Rumänien. Aber ihr Einstieg in die Boote war in Ulm. Wie sah damals der politische und wirtschaftliche Hintergrund dieser „Völkerwanderung“ aus? Um eine Einschätzung geht es in dieser Studie.

In süddeutschen Ulm waren die Auswanderer willkommen, sorgten sie doch in der nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) wirtschaftlich stagnierenden, aber als Sitzungsort des Schwäbischen Reichskreises politisch immer noch bedeutsamen Reichsstadt, für wichtige wirtschaftliche Impulse. Am meisten profitierten die Wirte und Schiffsleute. Da die Durchreisenden Kost und Logis benötigten und natürlich die Fahrtkosten für die Schiffsreise auf der Donau bezahlen mussten, war die Auswanderung auch ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor für Ulm.

In Zeiten der Hungersnot wiederum stellten die fremden Reisenden eine hohe Belastung für die Gemeinde dar, die entsprechend einschränkend reagierte. Da die Habsburger als Siedler für ihre Gebiete zunächst nur Katholiken zuließen, war Ulm bei diesen Wanderungsbewegungen nur Durchgangsstation für Auswanderer aus katholischen Regionen. Für Untertanen des protestantischen Territoriums von Ulm eröffneten erst Russland, Preußen und Amerika die Möglichkeit, auszuwandern, bevor Österreich ab 1781 die teilweise noch existierende Konfessionsschranke beseitigte.

Ein interessantes Kapitel ist die katholische Auswanderer-Seelsorge im protestantischen Ulm mit den vielen Hochzeiten der Emigranten. Diese fanden, sofern die Brautpaare katholisch waren, oft heimlich im Wengenkloster, das als katholische Insel fungierte, statt.

Hochzeit in der Wengenkirche

Oft kamen mehrere Brautpaare zusammen, die sich schon aus der Heimat kannten oder sich unterwegs kennengelernt hatten. Trauzeugen waren Verwandte, Mitreisende oder auch der Mesner des Klosters. Getraut wurde meist nicht in der Kirche, sondern in der Sakristei. Wirkliche Proteste von Seiten des Rats gab es erst 1772, als 88 Brautleute innerhalb kurzer Zeit wieder die Wengenkirche aufsuchten. Die Wirte und Torwachen wurden angewiesen, alle Heiratswilligen aus Münster zu verweisen. Einige Paare ließen das Sakrament allerdings heimlich in der Wengenkirche wiederholen. Auch manches in Ulm geborene Auswandererkind kam in den Genuss von zwei Taufen. Die Seelsorge für erkrankte Emigranten übernahmen ebenfalls die Wengenbrüder.


Zum Leidwesen des Rats besaß das Wengenkloster das bischöfliche Privileg, Auswanderungswillige auch ohne dreimaliges Aufgebot zu trauen, vorausgesetzt, sie besaßen die erforderlichen Bescheinigungen oder schworen, tatsächlich emigrieren zu wollen. Bis 1803 fanden mehr als 550 Trauungen in aller Stille im Wengenstift statt.

Auszug aus dem Kirchenbuch St. Michael zu Wengen

„Am 25. Mai 1790 berichtete Johannes Masaal vom Taldorf dem Wengenpfarrer dass er vom Rabenwirt mit seiner Braut „unter Bedrohung von Schantz bey Wasser und Brod“ zur Stadtkanzlei und weiter zum Münsterpfarrer geschickt worden waren. Die beiden ließen sich aber noch am selben Tag „auf ein Neues nach christ-catholischer Weise“ einsegnen.“

Manfred Mayrhofer

Die Ungarn in Wittenberg