Wenn Familienforscher zusammenkommen…

Als Reaktion auf den vordrängenden Amerikanismus und Nihilismus kommen in gewissen ungarischen Kreisen die Erforschung der Ortsgeschichte und die Aufzeichnung des eigenen Familienstammbaums in Mode. Man sammelt die kleinen Anekdoten im Wohnort — sie sollten sich entweder von einzelnen Leuten oder der ganzen Gemeinschaft handeln. Fotos und sogar Filme werden wiederentdeckt, digitalisiert und registriert. Der Beginn dieser Bewegung kann auf die 1990-er Jahre terminiert werden. Damals bekamen lokales Selbstbewusstsein und örtliche Presse neuen Aufschwung. Jetzt sind wir Zeuge der Neubelebung  ortshistorischer Vereine — das ist vielerorts der Familienpolitik und Förderung der Vereine durch die Regierung zu verdanken.  

Wir sitzen in einer schönen Wohnung,

am Küchentisch. Der ist nicht mehr zu sehen, Papiere, Fotos, Tabellen und Laptops liegen übereinander. Ortshistoriker und Familienforscher sprechen miteinander — eine inoffizielle, aber gut organisierte Tagung. Männer, die sich mit der Herkunft der deutschen Familien von Soltvadkert (Komitat Bács-Kiskun) beschäftigen, und mit dicken Akten, DVD-s und Büchern zu dieser Begegnung gekommen sind.

Lernen wir sie näher kennen!

Pavol Bayer ist ein junger Ingenieur aus Preßburg (Ung: Pozsony, Slowakisch: Bratislava). Seine Ahnen waren aus dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen Anfang des 18.Jh. ins Ungarische Königreich gekommen. Sie ließen sich zuerst im Dorf Warschad (Ung: Varsád) im Komitat Tolnau/Tolna 1724 nieder. Dann wanderte dieselbe Generation nach Harta aus (Komitat Bács-Kiskun, an der Donau). Einige Jahrzehnte später folgte (Solt)Wadkert als Wohnort (Komitat Bács-Kiskun), wo die Familie bis zum Anfang des 19. Jh. lebte. Die nächsten Stationen waren dann Mezőberény und Békéscsaba (Komitat Békés), dann Nordungarn, wo die Urgroßeltern bei der Ungarischen Königlichen Eisenbahngesellschaft (Magyar Királyi Államvasutak) gearbeitet haben. Vor hundert Jahren entstand der neue Staat Tschechoslowakei, so sind die Nachkommen jetzt slowakische Staatsbürger. Herr Bayer spricht gut Deutsch, was bei der Familienforschung und den Recherchen in den alten Dokumenten bzw. den Fachbüchern gute Dienste geleistet hat.

Gastgeber war der in Kecskemét lebende József Katzenbach, der nicht nur den Hauptzweig seiner Familie, sondern auch fast alle Cousins auf der Ahnentafel „persönlich kennt“. Er ist schon Rentner, also „hat viel Zeit dafür“… Als Übersetzer und Historiker nahmen an der Begegnung Lajos Káposzta sen., evangelischer Altpfarrer und Lajos Káposzta jun., Historiker und Journalist aus Soltvadkert teil. Sie waren für die ständige Hin-und-Her-Übersetzung verantwortlich.

Was wird bei so einem Treffen geklärt?

Vieles. In erster Linie muss man Irrtümer (oder deren Möglichkeit) ausmerzen. So ist nach Meinung von Herrn Katzenbach die Schreibweise von Familiennamen der Problemfaktor Nummer 1.  Der bekannte Soltvadkerter Familienname Gszellmann kann Gesellmann, Xelmann und Zellmann geschrieben werden. Diese Inkonsequenz kommt bis Mitte des 19. Jh. Auch bei dem Familiennamen Bayer (Beier, Baier, Payer) vor. Wurden die Daten des getauften Kindes oder des verheirateten Paares erst später eingetragen, konnten wegen einer Unaufmerksamkeit des Dorflehrers oder des Pfarrers Fehler entstehen. Die Forscher müssen deshalb immer kritisch bleiben.

Lajos Káposzta jun. und sen., József Katzenbach, Pavol Bayer

Ganz besondere Entdeckungen

Ja, die Leute waren auch damals nicht immer fehlerfrei. Pfarrer und Dorfrichter hatten oft sehr viel zu tun. So z.B. Versöhnung von Streitenden, Betreuen von Waisen, Trost für trauernde Familien, usw. Man kann sich nur vorstellen, was hinter der Notiz steckt, die Pavol Bayer im Heiratsmatrikelbuch von Harta 1759 gefunden und den Teilnehmern vorgelesen hat: „November 1759 ist Johann Heinrich Bayer ledigen Standes, Eva Rosina Hachboldin, welche er zu Fall gebracht hat, kopuliert”. Wenn jemand das nicht vollkommen verstehen würde, im Dezember selben Jahres, also 1759, kam das Bayer-Kind auf die Welt. So erlebte die Familie wirklich frohe Weihnachten…

Káposzta Lajos

Alte, sehenswerte Gegenstände im Kiskunhalaser Museum