Wir waren bei den Siebenbürger Sachsen (3)

Der Neubeginn des Lebens auf der Kirchenburg

Unser Auto fährt in einer Hügellandschaft. Der Bach namens Herbach hat im Laufe der Jahrtausende seine Täler geformt, in denen kleine, ehemals sächsische Dörfer stecken. Wir befinden uns nordöstlich von Hermannstadt, in Südsiebenbürgen. Die Sonne hat den Morgennebel bereits vertrieben, so sehen wir die großen Massive der Südkarpaten. Hier sind die höchsten Berge von Rumänien — mit vielen Bären…

Holzmengen

Der Ortsschild des Dorfes, unseres Reiseziels, ist zweisprachig. Es heißt Rumänisch Hosman, Deutsch Holzmengen. — Später Trost — könnte man sagen. Warum war es damals, vor 40-50 Jahren nicht so gemeint, als sie noch da waren. Nämlich die leistungsstarke Bevölkerung des Dorfes und der Gegend, die Sachsen. Vieles wäre anders gelaufen… vielleicht.

Wer uns erwartet, ist eine Sächsin, aber mit einem ungarischen Familiennamen: Ruth Istvan. Irgendwann hat eine Mischehe stattgefunden, und so ließ sich der Urgroßvater eindeutschen. Das kam im Karpatenbecken häufig vor. Ihre Familiengeschichte scheint aber nicht nur wegen der vergangenen Generationen, sondern auch der jüngsten Geschichte Rumäniens interessant zu sein.

Sie erzählt uns so darüber:

Ich bin mit meinen Eltern als kleines Mädchen 1984 nach Deutschland ausgewandert. Wir wohnten zuvor in Broos / Orestie. Das war der westlichste Punkt des sog. Königsbodens, also des Landes der Siebenbürger Sachsen. Mein Vater war evangelischer Pfarrer, der wegen seines Amtes im kommunistischen System immer „unzuverlässig“ war. Dann kam die Revolution 1989.

In meinen Jugendjahren fühlte ich mich in Deutschland immer gut. Aber eine gewisse Beziehung hatte ich immer zu Siebenbürgen – in die Wiege gelegt, sozusagen. Ich kam seit 2001 regelmäßig, fast jährlich, zu Besuch und war von den Entwicklungen vor Ort sehr beeindruckt. Sowohl infrastruktureller als auch, was die Chancensteigerung für die Bevölkerung betraf.

Was mich faszinierte, war der alte Baubestand – nicht nur die Kirchenburgen, sondern auch die teils leerstehenden Gebäude in den Städten und Dörfern. Sie regten in mir ein Gefühl der Inspiration, des Träumens: was könnte man hier alles machen?!

So beschloss ich 2014 nach Siebenbürgen – genauer nach Hermannstadt – zurück zu kehren. Mit Holzmengen bin ich über meine Arbeit bei der Stiftung Kirchenburgen in Berührung gekommen und der Ort hat mich verzaubert. Nicht nur die fantastische Kulisse, sondern auch die lieben und engagierten Menschen, die hier tätig sind, haben mich beeindruckt. Ich begann mich also aktiv in dem Verein, der das evangelische Pfarrhaus in seiner Obhut hat, zu betätigen. Zunächst 2018 mit der Organisation des ersten Weihnachtsmarktes, dann die Mithilfe bei unserem jährlichen Musikfestival im Sommer, dann Veranstaltungen wie Klassenausflüge und Workshops für Jugendliche und Touristen.

Kirchenburg als Kulisse?

Im Pfarrhaus wurde schon vor 30 Jahren von unserem Verein eine Jugendherberge eingerichtet. Natürlich kostet alles Geld, aber wenn man gute Freunde, Förderer und Unterstützer hat, kann man immer mehr. Durch unsere Projekte, die von lokaler bis internationaler Ebene organisiert sind, entwickeln wir diesen Ort weiter und freuen uns über die Gemeinschaft und die vielen schönen Begegnungen.

Sommersachsen?

35 Jahre nach dem politischen Wandel entstehen neue Begriffe. Sie gelten als Antwort auf gesellschaftliche Ereignisse. So ist es auch mit den Rücksiedlern oder den Urlaubern: es gibt immer mehr früher ausgewanderte Sachsen, die von Frühling bis Herbst mehrere Wochen hier zubringen. Entweder im elterlichen Haus oder bei hier wohnhaften Verwandten und Freunden. Sie genießen die Dorfstimmung, ihren Garten und natürlich ihre Rente. Diese sogenannten Sommersachsen, deren „Sommer“ immer ausgedehnter wird, nehmen an kirchlichen oder kulturellen Veranstaltungen gern teil und sind oft Mitglieder der Heimatortsgemeinschaft der einzelnen Siedlungen. Dann in den kälteren Monaten sind sie wieder „zu Hause“ in Deutschland um sich auf ihren nächsten Aufenthalt in Siebenbürgen vorzubereiten.

Lajos Káposzta, Balázs Kocsis, Péter Wesz – die Delegation aus Ungarn mit einer großer Neugier und Offenheit nach Siebenbürgen

Wir haben mit Frau István ein lehrreiches Gespräch geführt. Sie zeigte uns die Wehrkirche, die Infrastruktur der Festivals und am Ende des Besuches bewirtete sie uns mit einer selbstgemachten Spinatsuppe.

Ihre Tätigkeiten und Projekte dienen für viele als Beispiel. Multikulturalität, Traditionen und modernes Management. Das ist der aktuelle Trend in Siebenbürgen

Vielen Dank für die Gastfreundschaft und viel Erfolg!

Lajos Káposzta

Wir waren auch im Nachbardorf Alzen

Einführung von Britta Seidner in Fogarasch

Aus soziologischer Sicht…

Schon seit Jahrzehnten bringen die Sommer das sächsische Leben in den Ort zurück. Die jährliche Rückkehr der Ausgewanderten ist zum Ritual geworden. Es galt auch für die Generation der Kinder und Enkel, die „alte Heimat“ und Siebenbürgen als neue Bedeutungsräume zu entdecken. Hier lernen sich die in Deutschland oft weit verstreuten jungen Familien mit ihren Wurzeln kennen. Das Dorf ist für Jung und Alt ein realistischer Raum, dessen Wirklichkeit durch den Weggang der Eltern und Großeltern und zeitweiliger Urlaubswiederkehr ihn zugleich zum Erzählraum umgewandelt hat, aufgelöst in Geschichte(n) und Erinnerung.

Die Kinder und Enkel wiederum können sich keine andere „sächsische Welt“ als diese sommerliche Idylle vorstellen mit Erlebnisgeschichten und Erzählbildern, bei denen Gemeinschaft und Zusammenhalt bei den aufwändig inszenierten Burgfesten im Schatten der Kirchenburg erlebt wird. In dieser Welt, in der mit viel Idealismus, zeitlichem und finanziellem Aufwand die verloren geglaubte Gemeinschaft in sommerlicher Atmosphäre wieder erlebbar geworden ist und die Generationen zu überdauern verspricht, in der sich alle Beteiligten glücklich fühlen (die ausgewanderten wie die in Siebenbürgen verbliebenen Sachsen), spielt die Kirchenburg auf der Anhöhe eine übergroße Rolle.

Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim e.V.