Ungarn 1967 – die leise Sympathie
für das Land der Istvans und Piroschkas
Von Mike Wuttke, ehemaliger Redaktionsleiter „Fränkischer Tag“ in Forchheim/Oberfranken
Einleitung

„Es war der Film „Ich denke oft an Piroschka“ von 1955 mit der bezaubernden Liselotte Pulver und dem gemütlichen Bahnhofsvorsteher Gustav Knuth, der in dem Verfasser der Reportage, 1966/67 Pfarrführer der Katholischen Jugend in Lichtenfels, die Neugier und den Wunsch weckte, Ungarn näher kennenzulernen. Und zwar in Form einer (damals gerne angebotenen) Jugendfahrt.
„Wien-Budapest“ sollte das Ziel sein. Die Reise, bei der auch das „Abenteuer Ostblock“ Interesse weckte, durften er und seine „Pfarrführerin“ planen, aber nicht leiten. Denn sie waren zwar mutig und unbekümmert, aber noch nicht volljährig mit 21. Ein Diakon, später Pfarrer und Diakon u.a. in Scheßlitz, sprang in die Bresche. Es gab damals internationale Übereinkommen, auch mit Ungarn, die solche Jugendreisen ermöglichten.
Wie eine Gruppe junger Menschen das Land elf Jahre nach dem Aufstand und im Aufbruch des Tourismus erlebte.
Ein strahlender Sommertag wölbt sich über Budapest. Es ist Sonntag. Eben sind wir auf der Höhe des Gellértberges angelangt und sehen die Stadt zu unseren Füßen ausgebreitet.

Die Eindrücke des Augenblicks halten uns gefangen, wir sind verzaubert. Verzaubert von einer Stadt, die uns mit all ihrer berückenden Schönheit, majestätischen Würde und heiteren Beschwingtheit so herzlich in ihre Mitte aufgenommen hat.
Zu linker Hand erhebt sich das Burgviertel, jener wichtiger Wachtposten in der kampfreichen ungarischen Vergangenheit. Zusammen mit der angrenzenden Fischerbastei, der darüber thronenden Matthiaskirche und dem Gellértberg mit dem Befreiungsdenkmal zeichnet es die Silhouette des Budaer Teils am rechten Ufer der Donau.
Herrliche Brücken über den geschäftig dahinfließenden Strom schaffen die Verbindung mit dem Pester Stadtteil, der mit dem einzigartigen Parlamentsgebäude als Visitenkarte zu einem Verweilen einlädt.
Als wir auszogen – 33 junge Menschen, Mitglieder der Katholischen Jugend aus dem Raum Bamberg, Lichtenfels und Nürnberg, gehörten wir wahrscheinlich dem Gros der 100.000 Urlauber aus Westdeutschland an, die Ungarn in diesem Jahr wohl besuchten und denen eine Reise in den Ostblock einmal eine Abwechslung zu den üblichen südlichen Zielen bringen sollte.
Doch von Anfang an hielt uns eine leise Sympathie für das Land der Istvans und Piroschkas gefangen (Hauptrollen im Film).
Csárdás, Geigen, Puszta und Romantik
Ungarn – das ist ein Land, das jeder zu kennen vermeint, ohne es erlebt zu haben. Operetten, Filme, Romane und Erzählungen sind es, die den Westeuropäer von der Romantik des Landes erzählen. Auch wir hatten derartige Vorstellungen.
Förmlich hörten wir die Klänge des Csárdás, das wehmütige Schluchzen und übermütige Jauchzen der Zigeunergeigen, sahen die wirbelnden Beine der Tänzer, erlebten die Pferdeherde, die donnernd in die Weite der Puszta entschwindet, und spürten schon die Schärfe des Gulaschs auf der Zunge.

Doch dann trifft man auf ein Land, das nicht nur als Reiseland im Aufbruch begriffen ist. Lange sucht man nach der Romantik, bis man sie findet: sie ist im Preis mit inbegriffen. Csárdásklänge vernehmen wir in einer Folkloreaufführung, in der Tänzer und Tänzerinnen altes Volksgut zum xten-male aufleben lassen. Schauplatz ist ein sichtlich verwahrlostes Kino.
„Nun ja, wir sind eben im Ostblock“,
höre ich jemanden sagen. Doch dann haben wir alles um uns herum vergessen. Als der Vorhang nach zwei Stunden fällt wird uns bewusst, dass es dem Budapester Tanzensemble und dem Orchester gelungen ist, uns in das Land der Lebensfreude und Romantik zu entführen. Der Applaus kommt von Herzen.
Zigeunermusik begegnen wir allerorts. Fest jedes Restaurant – das Essen ist übrigens sehr billig – besitzt eine Hauskapelle, die zu den scharfen Landesspezialitäten mehr oder wenig feurig aufspielt. Rössern begegnen wir nicht, weil uns ihr Anblick zu teuer gekommen wäre – laut Programm, das uns vom Ibusz-Reisebüro vorgeschlagen wurde. Aber wir fahren in die Puszta.
Stundenlang führt uns der Weg durch die Ebene, die teilweise – besonders an den Randgebieten – von den fleißigen Bewohnern kultiviert wurde und jetzt als riesiger Obstgarten reiche Ernten hervorbringt.

In Kecskemet halten wir, um uns mit Barackpálinka, dem berühmten Aprikosen-schnaps, zu versorgen. Nach einigem Suchen finden wir unser Tagesziel, die Bugac Csárda, in der wir ein original ungarisches Mittagessen bei Zigeunermusik aufgetragen wird. Beim Gruppenfoto gefiel es unseren jungen Damen, dass die Musiker in ihrer originalen Tracht einem Flirt nicht abgeneigt waren.
Trotz der Erkenntnis, dass die Originalität des Landes dem Gast, wie in anderen Reiseländern, fast nur noch als Schau geboten wird, waren wir keineswegs enttäuscht. Erlebten wir doch das Ungarn von heute einmal in seiner reizvollen Landschaft und zum anderen ganz „unprogrammgemäß“ und oft durch Zufall in Gesprächen mit den Menschen „von der Straße“.
Mit Bamberg verbunden
Der Ungar ist das geblieben, was ihn schon immer beliebt gemacht hat: charmant, großzügig, und vor allem gastfreundlich. Oft wissen wir nicht, wie wir uns verhalten sollen, wenn wir bei sich jeder bietenden Gelegenheit angesprochen werden. Wenn die Ungarn erfahren, dass wir aus Westdeutschland kommen und sie uns dann freudig die Hände schütteln. Die Verlegenheit ist uns bald genommen. Wir müssen erzählen und eine Menge Fragen beantworten. Verständigungsschwierigkeiten gibt es nicht, vor allem ältere Leute sprechen gut Deutsch.
Sie erkundigen sich, woher wir kommen. Wenn wir Nürnberg, München, Stuttgart und Bamberg nennen, versichern uns nicht wenige, dass sie die Städte von früher her kennen. Zweimal werde ich gefragt, ob ich den Bamberger Reiter kenne. Viele Landsleute fühlen sich mit Bamberg verbunden, da ja bekanntlich der Hl. König Stephan, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts bei seinen Zügen durch das Donau- und Maintal auch Bamberg berührte, in jenem berühmten Standbild im Dom verewigt sein soll.
Jener Oktober ist nicht zu vergessen
So manche Begegnungen hinterließen bei uns einen nachhaltigen Eindruck. So jene mit einem jungen Kaplan, der zu einem wahren Lebenskünstler avancierte, um, wie er sagte, unter den für die Kirche erschwerten Verhältnissen Seelsorge betreiben zu können. Diese Begegnung war übrigens geplant. Ein Nürnberger Geistlicher, der von unserer Reise erfuhr, bat uns, jenen Kaplan aufzusuchen. Monate vorher schon bereiteten wir das Zusammentreffen mit ihm und Jugendlichen vor.

Wie vereinbart steht er am Morgen nach unserer Ankunft in Budapest in der Halle unseres Hotels (wir wohnten in einem modernen Studentenheim im Universitätsviertel, das in den Monaten Juli und August zum „Hotel Akademia“ wird). Zuerst gibt es Missverständnisse, weil er sich – in Touristenkleidung – als Fahrer und Reisebegleiter für eine deutsche Gruppe vorstellt. Doch dann erkennen wir ihn. Die Freude ist groß, die Begrüßung aber nur kurz, denn unser Bus wartet bereits zur Stadtrundfahrt.

Unser offizieller Reisebegleiter, der uns vom ungarischen Reisebüro für die Dauer des Aufenthaltes zugeteilt wurde, ist erst ungehalten über unseren „Bekannten“, doch nach Einsicht in dessen Papiere darf er uns begleiten.
Hinter vorgehaltener Hand
Während „Onkel Fondi“ (der Ibusz-Reisebegleiter bat uns gleich am ersten Tag vertrauensvoll, ihn so zu nennen) die Schönheiten der Stadt und die Errungenschaften des jungen Staates erklärt, erfahren wir hinter vorgehaltener Hand das, was uns verschwiegen wird: der Alltag unter dem kommunistischen Regime.

Wir erhalten das bestätigt, was uns bereits ein Referent sagte, der uns auf die Fahrt vorbereitet hatte. Das Land ist zwar vom Kommunismus gezeichnet, aber nicht geprägt. Freilich finden wir überall die Zeichen von Hammer und Sichel und den roten Stern, doch den Ungarn scheinen diese Symbole der Macht nicht zu beeindrucken. Er muss nur schweigen können – dann wird ihm der „Rechtsstaat“ und die Partei nichts anhaben können. Nicht leicht für Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen.

Immer wieder finden wir in unseren Gesprächen Beweise dafür, dass die Mentalität des „einfachen Volkes“ von kommunistischen Gedankenströmungen scheinbar unbeeinflusst blieb. Man lebt nach seinen eigenen Vorstellungen und registriert die Erleichterungen, die von der Sowjetunion seit dem Aufstand 1956 gewährt werden. Der Ungar ist überzeugt, dass der Kreml die Vorgänge in jenem Oktober nicht vergessen hat und um die Entzündbarkeit des temperamentvollen Volkes weiß.

Heute findet man in dem Pufferstaat zwischen Ost und West auffallend viele Selbstbedienungs-läden mit einem umfangreichen preiswerten Sortiment, vereinzelt auch Kaufhäuser und gut gefüllte Schaufenster. Überall begegnet man reger Bautätigkeit. Soldaten bauen Straßen – die zunehmende Urlaubswelle fordert ihren Tribut – und Neubauten wachsen langsam aus dem Boden. Andererseits wirken nicht beseitigte Spuren des Aufstandes an von Geschossen gelöcherten Häuserwänden in der Innenstadt auf uns ernüchternd.
Begehrter Heinrich Böll
Ein Blick in die Schaufenster einschlägiger Geschäfte sagt uns: auf dem Gebiet der Kunst und der Musik scheint es keine Grenzen zu geben, allerdings – das versicherte uns ein Gesprächspartner – ist man der modernen Malerei und der „Beatmusik“ aus dem Westen gegenüber skeptisch eingestellt.
Doch die offiziell vorgebrachten Vorbehalte scheinen langsam zu verwischen, was sicherlich auf die Gäste aus dem Westen zurückzuführen ist. Was uns überrascht sind Bücher von Heinrich Böll, die sich zwischen östlich orientierter Literatur ein Stelldichein geben. Sie finden reißenden Absatz.
Mehr als eine inzwischen liberale Einstellung dürfte aber die Tatsache sein, dass Böll als Mitglied avantgardistischer Literaturkreise, Zeitkritiker und Verfechter seines Sozialempfindens dem Osten sehr genehm ist.
Sind wir zu überheblich?
Doch zurück zu unserem „Bekannten“. Die Stadtrundfahrt endet auf der Margareteninsel vor dem großen Strandbad. Hier treffen wir auf Landsleute aus der Zone. Es kommt zu vereinzelten Gesprächen, die einzigen während der Reise überhaupt, obwohl wir viele Wartburgs, Skodas und Trabant-Volkswagen mit einem D auf dem Heck begegnen.

Wir finden kaum Gelegenheit zu Gesprächen. Fast scheint es so als ob man uns ausweichen möchte. Oder liegt es an uns selbst, die wir vielleicht zu überheblich auftreten? Wir wissen es nicht und vermissen die Ansprache sehr. Schnell hat unser Kaplan einige Jugendliche aufgetrieben, die gegen uns zu einem kleinen „Fußball-Länderspiel“ antreten. Wir trennen uns freundschaftlich unentschieden.
Ist das, was wir erlebten, das echte Gesicht der jungen Generation?
Wir müssen an die freundliche alte Dame denken, der wir in der Straßenbahn begegneten, als wir ein zweites Mal zur Margareteninsel fuhren. Der Wagen füllte sich und eines unserer Mädchen bot der Dame ihren Platz an. Sie schien überrascht, setzte sich zögernd und beobachtete uns eine Zeitlang. Schließlich erkundigte sie sich, ob wir aus Deutschland kämen.
„Ich habe das gleich bemerkt“ fuhr sie fort, „hier bei uns kommt es nicht oft vor, dass man einer älteren Person Platz anbietet“.
Aus ihrem Munde hörten wir, was wir eigentlich schon vor der Reise wussten: wie in den anderen Ostblockstaaten wächst in Ungarn eine Jugend heran, die den Keim zur Verwirklichung der kommunistischen Ideen in sich trägt. Uns berührte das eigenartig, denn angesichts des schönen Fleckchens Erde und der netten Menschen erkannten wir die Realität nicht mehr.
Flüsternd erkundigte sich die alte Dame, ob wir auch zur Kirche gehen. „Hier kann die Jugend nicht ihren Glauben bekennen, weil sie schulische und berufliche Nachteile fürchten muss“, fährt sie fort. Bevor sie ausstieg, drückte sie jedem von uns die Hand und wünschte, so zu werden wie man uns im Westen erzieht, und nicht so, wie die Jugend im Ostblock herangezogen wird.
Dieses Bild von der ungarischen Jugend erhielten wir nie bestätigt. Themen in den Gesprächen waren Schule, Beruf, Beat und Mode. So auch an einem Abend, als wir den „Park der Jugend“ aufsuchten, um einer „Beat-Veranstaltung“ beizuwohnen. Rund 3.000 vor uns hatten den gleichen Gedanken.
Wir finden einen Platz und sehen dem Treiben zu. Es spielt eine der besten Bands des Landes. Zu den Klängen elektrischer Gitarren, die aus westlichen Verstärkeranlagen und Lautsprechern dröhnen, wird Rock’n-Roll getanzt. Von den Urlaubern kennt man zwar moderne „westliche“ Tänze, doch man scheut sich, diese zu praktizieren. Um 22:30 Uhr endet die Veranstaltung wie auf Befehl.
Auf dem Heimweg kommen wir mit drei Mädchen und einem Studenten ins Gespräch. In englischer Sprache unterhalten wir uns prächtig. Dabei stellt sich heraus, dass ein Mädchen aus Russland ihren Urlaub in Budapest verbringt. Vor allem bedauert sie beim Abschiednehmen, dass wir nicht länger bleiben können. Sie hätten uns gerne wiedergesehen und mit uns über vieles gesprochen.

Revanche für Bern
Das eigentliche Fußballmatch, auf das wir uns schon lange freuten und weshalb wir auch Sportschuhe eingepackt hatten, findet im Badeort Balatonfűzfő am Plattensee statt. Der Kaplan spielt selbst Fußball in einer Mannschaft der II. Liga. Und wir sollen gegen diese Mannschaft spielen – wir, zum größten Teil „Laien“ auf dem Fußballfeld. Doch wir werden um drei Spieler aus der „Profi“-Mannschaft verstärkt. Unsere Mädels gehen begeistert mit. Die Gastgeber sind uns „gnädig“ und besiegen uns mit einem beziehungsreichen 3:2. Revanche für das 1954 verlorene WM-Endspiel der Ungarn gegen Deutschland in Bern.
In der Touristenstadt Siófok, in der wir Quartier bezogen haben, finden wir uns am Abend gemeinsam in einem Weinkeller ein. Der Balaton-Riesling lässt uns schnell mit unseren ungarischen Freunden zusammenfinden. Sie erzählen uns von ihrer Arbeit, ihrer Freizeit, von der Liebe zum Sport und stellen uns ihrerseits Fragen.
Dann singen wir abwechselnd Volkslieder und „Trink, Brüderlein trink“, das zum Repertoire jeder Kapelle in Ungarn gehört und das für ein paar Forint den Deutschen zur Ehre gerne angestimmt wird. Adressen wechseln den Besitzer, als wir lange nach Mitternacht voneinander Abschied nehmen. Auf dem Heimweg werden wir angesprochen, ob wir nicht Perlonstrümpfe zum Tauschen hätten. Wir können nur mit einigen Kugelschreibern dienen.
Bitte kommt wieder!
Der Zufall will es, dass wir kurz vor der Abreise mit einer jungen Polin zusammentreffen. Sie war zum Plattensee gekommen, um mit Menschen „aus dem Westen“ zu sprechen. Frei berichtet sie von den Zuständen, die in Polen und in den besetzten Gebieten herrschen.
Zweifellos erscheint uns Polen als das Land, das in der Entwicklung der Satellitenstaaten an letzter Stelle steht. Sie bittet uns, alle Vertriebenen von Schlesien mit ihrer Hauptstadt Breslau zu grüßen.
Ihre Grüße sind nicht die einzigen, die wir mit nachhause brachten: „Grüßt uns Deutschland und kommt wieder“. Wir wollen dieser Bitte gerne nachkommen und sicher wird der eine oder andere, der Ungarn erlebt hat, wieder den Weg in dieses schöne Land finden. Zu Menschen, die gerade uns Westdeutschen gegenüber so überaus freundlich gesinnt und denen Gespräche mit uns, die wir aus einer freien Welt kommen, ein Herzenswunsch sind.
Mike Wuttke







