Medizin in der Puszta

0
1270
  • auch mit Methoden aus der Schweiz!

Wir sitzen im Parkhotel Csipkerózsa, im Wald von Csólyospálos. Diejenigen, welche diesen Komplex kennen, wissen genau: nicht nur wegen dem guten Niveau, sondern auch wegen dem hier tätigen Rotary Club sind dieses Hotel und Restaurant in der südlichen Tiefebene bekannt.

Ich sitze mit Dr. Beat Dubs in seinem Sprechzimmer. Im Hotel besteht auch ein „Rendelő“, das heißt eine internistische Facharztpraxis, ungarisch: „Általános belgyógyász szakrendelő“. Aber warum kamen Sie auf diese Idee? — stelle ich ihm die Frage.

Ich bin Facharzt für Innere Medizin, sowohl in der Schweiz als auch in Ungarn approbiert. Wir haben diese Praxis hier auch in Ungarn zertifiziert, haben also die Genehmigungen für diese Tätigkeit.

  • Hier sind ganz spezielle Geräte, die ich noch nie gesehen habe.

Ich selber betreibe Ultraschalldiagnostik, und zwar spezialisiert vor allem am Bewegungsapparat, der Leistenregion, aber auch am Bauch, an den wichtigen Gefäßen und natürlich an Säuglingshüften. Was ich hingegen nicht anbiete: Herzultraschall, frauenärztlichen Ultraschall und Ultraschall des Gehirns. Das ist eine andere Disziplin.

  • Wer darf hierherkommen und mit welchen Beschwerden?

Ich beschäftige mich wegen meiner Muttersprache in erster Linie mit deutschsprachigen Patienten — obwohl meine Großmutter noch in Ungarn geboren wurde, doch die ungarische Sprache muss ich noch besser lernen. Aber wegen der Patienten ungarischer Muttersprache habe ich auch einen ungarischen Kollegen, Dr. Gábor Tanács. Er ist ein Arzt aus dem Rettungsdienst, dementsprechend mit viel Erfahrung. Er wird auch hier wie ein Case-Manager arbeiten, so ist er ein Bindeglied zum ungarischen Gesundheitssystem. Kommt nämlich jemand zum Beispiel mit Schilddrüsenproblemen (ung: „Pajzsmirigy“) und benötigt auch eine Blutuntersuchung, dann kann er auch einen Termin in einer ungarischen Poliklinik organisieren. Somit sind Sprachschwierigkeiten ausgemerzt, so gut wie möglich!

  • Werden Sie also auch Sprechstunden halten?

Selbstverständlich, aber wir beginnen lieber mit kurzen Schritten dafür seriös. Ich bin auf deutschsprachige Patienten ausgerichtet und spreche auch französisch, italienisch und englisch, mein ungarischer Kollege kann auch Englisch und würde natürlich in erster Linie die Ungarn betreuen. Unsere Praxis ist aber von der staatlichen ungarischen Krankenkasse nicht unterstützt, man muss also alles privat bezahlen.

Unsere Webseite, www.uhv.hu (= „Ultrahangvizsgálat“) ist schon aufgeschaltet: man kann das Angebot und unsere Methoden dort ansehen! Wir werden diese Webseite natürlich stetig weiterentwickeln.

Im jetzigen Zeitpunkt halten wir die Praxis noch nicht ständig offen, wir bieten aber regelmäßig fixe Sprechstunden, aber immer nur nach vorheriger Vereinbarung an. Es ist auch gut zu wissen, dass wir da als diagnostisches Zentrum nur Untersuchungen und außer ultraschall-gezielten Injektionen keine übrigen Behandlungen und keine Bestrahlungen durchführen! Aber unsere Apparate sind modern und wir arbeiten mit Methoden, die vielerorts hier noch unbekannt sind und deren Kenntnisse noch fehlen.

  • Fehlen?

Ja: man braucht die Technologie und die Fachkräfte! Unsere Praxis wird auch noch anderweitig benutzt: Wir halten hier im Hotel regelmäßig Kurse für Ärzte aus dem In- und Ausland ab, bei denen unsere Apparate den technischen Hintergrund bieten. Das heißt: anhand der hier gemachten Untersuchungen können die Teilnehmer ihre Fachkenntnisse erweitern.

  • Wie ich gehört habe, führen Sie gute Arbeitskontakte zur Universitätsklinik von Szeged. Was für Ergebnisse haben Sie mit den dortigen Forschern?

Mein Ziel ist, moderne Ultraschall-Technologien in der Diagnostik vor allem am Bewegungsapparat, in der Leistenregion und natürlich an den Säuglingshüften hier noch besser einführen zu können. Solche sind in Ungarn nämlich noch nicht überall eingeführt. Seit 2012 machten wir im Rahmen eines Forschungsprojekts diese Säuglings-Hüftuntersuchungen an der Neugeborenenstation der Frauenklinik in Szeged. Über 3.300 Neugeborenen-Hüften haben wir eine wissenschaftliche Arbeit publiziert. Ein Beispiel: ein untersuchtes Baby war gerade mal wenige Minuten alt, als ein schlecht entwickeltes Hüftgelenk entdeckt wurde. Nach dieser Ultraschalluntersuchung wurde es sofort behandelt. Schon nach 4 Wochen waren seine Hüften total gesund. Keine Operation wurde nötig! Alle frühzeitig erkannten Problemfälle werden in der Regel innerhalb von spätestens 2 Monaten normalisiert. Ohne Operation! Die Beinchen müssen abgespreizt und dann angezogen werden, so werden die noch unreifen Hüftgelenke entlastet und können ungestört nachreifen. Dazu verwenden wir eine Abspreiz-Schiene.

  • Wie war dies bisher? Oder besser gesagt: wie läuft es teils jetzt noch?

Mit den bisherigen Untersuchungstechniken können nicht einmal die Hälfte der Hüftprobleme entdeckt werden. Der Kinderarzt kommt, und macht alles nur von Hand (dem sogenannten Ortolani-oder Barlow-Test) und mit seinen Augen. An der Klinik in Szeged haben wir zusammen mit den Fachärzten Dr. Hajnalka Orvos und Dr. Zita Gyurkovics unsere Ultraschall-Forschungsergebnisse im Vergleich mit diesen konventionellen Untersuchungen publiziert.

  • Ich glaube, Sie tun auf anderen Kanälen auch viel, damit diese Untersuchungsmethode bekannt und verbreitet wird.

Im September 2019 tagte eine internationale Ärztegruppe hier, im Csólyospáloser Csipkerózsa Parkhotel. Wir haben Beziehungen geknüpft mit ungarischen Fachärzten, und hoffen, dadurch auch in Ungarn auf der gesundheits-politischen Ebene etwas bewirken zu können. Schön wäre es, wenn die staatlichen Organe das große Sparpotenzial dieser Hüftultraschall-Untersuchungen erkennen würden und diese Untersuchung für jedes Neugeborene bezahlen würden. Die Untersuchung ist nicht teuer aber erspart viele Behandlungen und Operationen, ganz zu schweigen von den seelischen Belastungen für Kinder und Eltern bei verpassten Diagnosen.

  • Bisherige Ergebnisse?

Der Rotary Club hat ein eigenes Projekt gestartet, diese Initiative zu fördern. Wenn ein Krankenhaus bereit ist dieses Untersuchungsprogramm zu übernehmen, geben wir diesem ein Ultraschallgerät, solange wir noch solche haben. Aber der Facharzt muss dazu natürlich hier ausgebildet werden und die Hüft-Ultraschalluntersuchung korrekt durchführen.

In Budapest haben wir in einem Krankenhaus schon ein Gerät stationiert und auch in Szeged. Weitere Standorte sind in Diskussion.

Lajos Káposzta