Lissi — ein Film, der Dich nicht loslässt …

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Mein Hauptziel ist „der große Film“

— sagt Regisseur Udo Pörschke. Ein umfassendes Werk über die Donauschwaben, von der Ansiedlung dieses Volkes im 18. Jh. in Ungarn bis zur heutigen Zeit. Alles andere empfinde ich als Vorarbeiten. Als sehr wichtige Vorarbeiten!

Wir sind in Baje/Baja,

in Südungarn, an der Donau. Sein Film mit dem Titel Lissi, den er in der ungarndeutschen Kleinstadt Bonnhard/Bonyhád (Komitat Tolnau/Tolna, Südungarn) vor einigen Jahren gedreht hat, wurde gerade gezeigt.

Darin begleiten wir eine ältere Dame, Lissi, in dieser Kleinstadt mit unserer Kamera. Sie geht auf den Markt, arbeitet in ihrem Garten, wir kochen zusammen und empfangen Gäste. Sie erzählt über ihr Leben — und die Kommunikation läuft in der alten Sprache, also in ihrer altdeutschen Mundart. Regisseur Pörschke stellt Fragen oder hört einfach zu, was Lissi und ihre Bekannten erzählen. Seltsam und einmalig, mit dieser Generation wird diese alte Sprache zu 99 % verschwinden. Solche Erlebnisse werden immer seltener.

  • Wie haben Sie sich während der Dreharbeiten gefühlt, Herr Pörschke?

Wunderbar! Ich bin von solchen Persönlichkeiten und dem deutschen Kulturerbe in Ungarn immer gefesselt! Es hat aber viel Arbeit und viel Zeit gekostet. Eine zusätzliche Arbeit entsteht bei diesen Filmen, die Untertitelung! Diese Mundart ist nämlich kaum mehr zu verstehen, ein durchschnittlicher Zuschauer mit deutscher Muttersprache braucht da schon Hilfe…!

  • Woher kam die finanzielle Unterstützung?

Ja, alles kostet Geld, aber vor allem Zeit … und Geduld. Und Vorbereitungen… Der Film wurde durch den Freistaat Bayern gefördert. Mit Hilfe des hiesigen Instituts Ungarndeutsches Bildungszentrum (UBZ) habe ich schon etliche Vorarbeiten machen können.

Der Film wird im Fernsehen nicht gezeigt. Für mich ist es auch noch unklar, wie wir dieses Werk dem Fachpublikum zugänglich machen könnten.

Die Problematik

der in Ungarn lebenden Deutschen und Deutschstämmigen ist vielfältig, sie wurzelt weit in der Vergangenheit und reicht bis in die Gegenwart. Und wie wird die Zukunft aussehen?

  • Kann man eine Strategie formulieren?

In jedem Ort gibt es solche Lissi, die man begleiten könnte! Aber man muss diese alten Frauen (und Männer!) finden, ihr Kulturerbe sicher bewahren. Diese Leute sind eine Minderheit in der Minderheit, ihre Sprache und ihre althergebrachte Lebensweise sind ein seltener Schatz, manchmal noch immer im Verborgenen schlummernd!

  • Was erschwert die Suche nach solchen Leuten?

Das Geld haben wir schon erwähnt. Das kommt von Sponsoren und Vereinen, wenn wir sie für das Projekt gewinnen können.

Dann muss man Vertrauen wecken! Vertrauen bei einem älteren Menschen. Dabei halfen mir ungarndeutsche Journalisten und Intellektuelle, die mich begleiteten und Ideen einbrachten. Ich wurde Teil des Lebens von Lissi … und das ist gar nicht so einfach.

Man muss zur Kenntnis nehmen,

nach dem 2. Weltkrieg wurden Familien zerstört. Schwester, Bruder, Verwandte rissen sich vom sicheren Familienhaus los und gingen ihren eigenen Weg. Es war ein Zwang! Und das Ungarndeutschtum zu behalten, lag nicht immer in ihrem persönlichen Interesse. Sogar…

Heutzutage gibt es fast in jeder Familie Mitglieder, die deutsche Vorfahren haben. Hunderttausende bekennen sich auch öffentlich zum Ungarndeutschtum. Aber der Sprache sind sie nicht mehr mächtig, sie können nicht einmal einige deutsche Worte.

Viele von ihnen suchen aber nach der alten / neuen Identität! Sie wollen die Spuren der alten Bräuche und des alten Bewusstseins in ihrer Familie aufdecken. Donauschwäbisch, Ungarndeutsch… diese Begriffe sind bei ihnen auch nicht eindeutig… Man könnte sagen, es besteht ein Anspruch darauf und es ist eine Mission, die alten Sitten, Bräuche und Sprache in die Zukunft zu retten.  

  • Sie haben vorher schon einen Dokumentarfilm gedreht. Er hat den Titel Heimatlos und baut auf Interviews mit vertriebenen und heimgebliebenen Ungarndeutschen auf …

Ja, dabei erwies sich der Hessische Rundfunk als guter Partner. 75 Jahre nach Kriegsende hatten wir Gelegenheit, mit den letzten Überlebenden zu reden. Sie saßen in ihrer Wohnung in Deutschland, Ungarn oder machten gerade einen Besuch in der „alten Heimat“. Alte Filme, Fotos und persönliche Erinnerungen gestalteten dabei eine vollkommene Einheit. Ja, den Deutschen muss es auch klar sein, dass es sich nicht nur um Schlesier, Preußen und Sudetendeutsche handelt! Mit diesem Film haben wir auch das Ungarndeutschtum präsent gemacht. 

  • Und dann warten wir auf Ihren großen Film.

Ja. Einmal kommt auch der große Film…

Der Dokumentarfilm Heimatlos ist hier anzuschauen

Lajos Káposzta, 0036209466727

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