Was steckt in Ihrer Vitrine, Frau Meissner?

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Bei meinen Besuchen wurde ich auf die schönen Porzellane im Wohnzimmer von Eva-Marie Meissner aufmerksam. Manchmal erzählte sie hie und da auch kurze Geschichten über die einzelnen Stücke. Dann, einmal kam ich zu ihr mit der direkten Bitte, die prachtvollsten oder wertvollsten Stücke vorstellen zu lassen.  Also, was steckt in der Biedermeier Vitrine, Frau Meissner?

Meine Gläser und Porzellane erzählen Geschichten aus der deutschen Vergangenheit. Sie sind für mich Zeugnisse einer hohen Lebens- und Esskultur der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte.

  • Erzählen Sie uns, bitte!

Ein großer Irrtum im Leben ist, wenn wir glauben, wir hätten alles erfunden, aber die Alten lebten einfach und unbewusst. Sie hatten hervorragende Handwerker, die die Erzeugnisse ihrer Kulturepoche herstellen konnten. Diese Gegenstände wurden zum festen Bestandteil und grandiosen Begleiter einer Feier und im Alltag. Meine kleinen Sammlungsstücke gehen bis in das Jahr 1770 zurück…

  • Was halten Sie jetzt in der Hand?

Ich bin stolz, dass es mir vor 25 Jahren gelungen ist, eine Suppentasse mit Deckel zu ersteigern, die dem Musiklehrer des bedeutendsten preußischen Königs, Friedrich dem Großen, gehörte. Diese kleine zauberhafte Tasse erzählt mir, wie er damals lebte. Er wurde 1697 geboren, ab 1728 war er als Flötenlehrer tätig; er unterrichtete jeden Tag den großen Friedrich – als kleines Kind. Er, der König ist dadurch bekannt, dass er wunderbare Gesellschaftsabende mit Konzerten veranstaltete, wo sich seine Gäste unterhalten konnten.

Die Suppentasse seines Musiklehrers spielte ihre Rolle. Wenn ich mir dieses kleine Porzellan ansehe, bin ich sicher, dass diese Leute wussten, man muss nicht Unmengen von Essen in sich reinstopfen. Eine Deckeltasse mit einem Füllgewicht von knapp 150 Gramm! Eine interessante Zwischenmahlzeit vor und nach der Arbeit. …Vielleicht war diese Tasse auf dem Tisch, wenn er mit Friedrich speiste.

  • Was sollen wir über diesen Musiklehrer wissen?

Sein Name ist Johann Joachim Quantz. Er hat für Friedrich nicht nur als Lehrer gearbeitet, sondern war seit 1761 der Verantwortliche für die am Hof beschäftigten Kammermusiker und als Hofkomponist tätig. Man hat ihn in Potsdam auf dem Friedhof beigesetzt. Er starb am 12. Juli 1773 und hat ein prachtvolles Grabdenkmal.

  • Die Deutschen sind kein Suppenvolk. Was hat man damals aus dieser Tasse gegessen?

Ich habe ein Buch mit dem Titel „Die Tafelfreuden der Preußischen Könige“ von A. Knott. Hier findet man ganz viele Beispiele und Anekdoten. Friedrich II. ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Ganz verschiedene Menüs und Rezepte sind da angegeben, man kann sich in die Atmosphäre einfangen lassen, fühlt, wie das Leben damals war. Begleitung mit Musik gehörte immer dazu. Übrigens führte Friedrich II. Kartoffeln in die Ernährung des Volkes ein. Das war vorher ganz fremd im Land, wurde aber schnell zum neuen Brot. So erschienen Kartoffelgerichte auf den Tischen der Herrschenden und gleichermaßen auf dem Tisch des einfachen Volkes. Das ist ein seltenes und erstaunliches Phänomen! Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch heute aus Kartoffeln köstliche Gerichte zaubern können, ganz ohne Chemie und Zusatzstoffe! Zu jener Zeit gab es kein fast Food, keine künstliche Nahrung. Die kleine Deckeltasse wird für mich als Zeitzeuge Botschafter für eine sehr moderne Ernährungswissenschaft und Esskultur. Und verdient es damit, der Favorit in meiner Biedermeiervitrine zu sein.

  • Stellen Sie bitte die anderen Prachtstücke vor!

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert war es ein Muss der Wohlhabenden, dass man den Wein in sog. Römergläsern servierte. Man benennt diese nach der klassischen Form und dem Dekor. Sie waren unglaublich schön gestaltet und stammten in erster Linie aus Böhmen. Und sie wurden mit der Hand geblasen.

Aus der Folgezeit, 40-50-60-er Jahren habe ich auch schöne Gläser — diese da. Aber sie wurden maschinell aus Kristallglas angefertigt.

Diese handbemalten Trinkgläser stammen aus der Zeit vor 1900.  Man servierte darin den Cherry. Und diese farbigen Champagnergläser sind aus den 1930-er Jahren. Mit ihnen habe ich eine schöne Geschichte erlebt! Wir feierten den 80. Geburtstag einer alten Lehrerin. Sie betrat den Raum, da wartete schon eine kleine Gesellschaft und ich hatte diese Gläser eingedeckt. Die Dame schlug die Hand vor den Mund und rief: „Oh Gott, ich habe nur Prosecco“. Sie empfand Prosecco für diese Gläser eigentlich als Diskriminierung! Wieder eine Lektion zur Ess- und Trinkkultur…

  • Wie begann ihre Leidenschaft fürs Sammeln dieser prachtvollen Stücke?

Mein Onkel hat als Heizer bei den Öfen in einer Glasfabrik in Sachsen gearbeitet. Als Mädchen, Oberschülerin, durfte ich in den Sommerferien dort arbeiten, natürlich nur im Bereich mit den Automaten, als Urlaubsvertretung. Diese Gläser wurden nur für den Export hergestellt. Man konnte diese Gläser in der DDR nicht kaufen. Aber da war ja noch mein Onkel …Jetzt stehen sie in meiner Vitrine, so war das eben…

Und da gibt es noch einige Einzelteile aus Porzellan! Zum Beispiel diese Schokoladentasse, aus der man seit dem 18. Jahrhundert diese Getränke genoss.

Ihr Dekor kommt aus dem frühen 18. Jh., aber meine Tasse ist natürlich nur eine Nachahmung aus dem 20. Jh. Ja, viele Einzelporzellane sind Nachproduktionen der Originale.

Kobaltverzierung erschien nach dem 2. Weltkrieg wieder als Nachfrage an Gläsern und Tassen für Schokolade und Kaffee. Diese Tassen kommen wurden in Weimar erzeugt, dass bestätigt auch der Stempel unten: Weimar Kobalt.

  • Existieren diese Fabriken immer noch?

Ja, einige. Meist haben sich ihre Besitzer geändert, kommen aus anderen Ländern oder Bundesländern. Aber für den Tourismus und die gezielte Nachfrage werden diese und ähnliche Gläser und Porzellane immer wieder hergestellt.

Eva-Marie Meissner – Lajos Káposzta