Die Welt durch die Linse eines syrrealistischen Fotographen

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 Er wusste von den Ungarn noch nicht einmal, welche Sprache sie sprechen. Revolution 1956 und der Fußballstar Öcsi Puskás — das waren die Grundinformationen über das Land. Ja und noch etwas, er hatte gehört, dass es in den ehemalig sozialistischen Ländern keine Menschenliebe gäbe. Er wählte trotzdem uns … und heute ist er hier zu Hause. Der in Hetényegyháza lebende Künstler sucht nie die Sensation im Bild. Sein Lebenswerk hat einen anderen Zweck, eine aus Kunst gewebte Brücke zwischen der Welt der Ungarn und der der Araber zu schlagen.

Man erzählt, es gäbe einen Garten, irgendwo in Hetényegyháza, der einen wunderbaren Ruf hätte. Aber nicht nur Leute aus der Umgebung werfen bewundernde Blicke über den Zaun, sondern auch aus weit entfernten Ländern kämen die Besucher. Das dunkelgrüne Reich ist der Garten von Iskander, dem zahlreiche bekannte Künstler und sogar arabische Diplomaten einen Besuch abstatten. Hier, in diesem Paradies, erfuhren wir die Geschichte des Fotokünstlers, die weit von hier entfernt, im Fernen Osten begann.

Unter vier Ländern wählte er Ungarn

Sein Freund, der Dichter, Ferenc Buda, nannte Iskander den syrrealistischen ungarischen Fotografen (also Fotograf, der aus Syrien stammt), dessen Herz in diesem Land heimisch geworden sei. Der oft als Ungarn-Araber bezeichnete Fotokünstler erblickte das Licht der Welt in Syrien, 5 km von der Mittelmeerküste entfernt. Meine Familie hatte ein kleines Landgut, wo Oliven, Wein, Feigen und Tabak guter Qualität angebaut wurden, erzählt Bahget Iskander in seinem Atelier in Hetényegyháza. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater starb. Mit Hilfe meines Großvaters, einem hochangesehenen Mann in unserer Region, konnte ich mit der Schule beginnen. Mit dem Erlös aus dem verpachteten Landgut, finanzierte ich meine Ausbildung. Nach dem Abitur studierte ich in Aleppo Maschinenbau und bewarb mich dann um ein Staatsstipendium für ein Auslandsstudium. Zur Auswahl standen: Ungarn, Italien, Frankreich und die Sowjetunion.

Meine Heimat, Syrien, war ehemals französische Kolonie. Dorthin also nicht! Italien? Damals berichtete die Presse nur über die Mafia, so dass auch Italien wegfiel. Die Sowjetunion war damals eine ziemlich verschlossene Welt. Im Radio hatte ich viel von den Ereignissen des Jahres 1956 gehört und über den Fußballspieler Öcsi Puskás. Aber ich wusste noch nicht einmal, welche Sprache man hier spricht. Ich hatte viele Wörterbücher im Gepäck: Englisch, Deutsch, Französisch. Mir wurde aber bald klar, dass ich keins davon gebrauchen würde…  erinnert sich lachend der Fotokünstler.

Iskander kam 1967 nach Ungarn. Er hatte vor, nach dem Abschluss der Uni nach Syrien zurückzukehren. Er wollte Ölingenieur werden, aber als der arabisch-israelische Krieg ausbrach, wurde ihm mitgeteilt, er dürfe nur den Beruf des Hütteningenieurs studieren. Obwohl er damals noch nicht einmal wusste, was das ist. So kam er statt an die  Uni an die Hochschule in Dunaújváros.

Mit dem Studium begann auch sein Ringkampf mit der ihm bis dahin gänzlich unbekannten ungarischen Sprache. So kam er zunächst nach Kecskemét, um an der Technischen Hochschule GAMF ungarisch zu lernen. Aber nicht irgendwer brachte ihm die Grundkenntnisse im Ungarischen bei! Die beiden Lehrer, László Orosz und Endre Szekér, zwei bekannte Literaturhistoriker, unterrichteten ihn.

Das Foto als künstlerisches Ausdrucksmittel

Das Fotografieren wurde Weinachten 1968 endgültig fester Bestandteil seines Lebens. Damals kaufte er von seinem Stipendium seinen ersten Fotoapparat, einen Zenit. In meinem Heimatland Syrien sah man Fotos nur in den Ausweisen und den Zeitungen, sonst spielte diese Kunst keine Rolle im Gesellschaftsleben. Hatte jemand einen Fotoapparat, so war es bestimmt ein Tourist! Für mich war aber das Foto vom ersten Augenblick an ein künstlerisches Ausdrucksmittel. Da ich noch nicht richtig ungarisch sprach, halfen mir die Aufnahmen dabei, meine Meinung kund zu tun.

Als er sich zum Fotowettbewerb an der Hochschule meldete, war dies seine erste Bewährungsprobe. Mit seinem in Dunapentele aufgenommenen Foto gewann er den ersten Preis.- An einer Bushaltestelle in einer verlassenen Gegend wartete ein Mädchen. Man sah ihr an, dass sie zu einem Rendezvous ging. An der Bushaltestelle klebte ein Kinoplakat mit der Aufschrift: „Was wird aus dir, kleine Eszter?“ (Ung: „Mi lesz veled, Eszterke?“) Das Foto bekam auch diesen Titel.  Dieser erste Preis war für mich sehr wichtig! Er bestärkte mich in meinen Entschluss, dass sich das Fotografieren für mich lohne!

Nach dem Hochschulabschluss arbeitete er eine Weile im Stahlwerk in Dunaújvárs, zog dann Anfang der 70-er Jahre nach Kecskemét. Damals begannen die bis heute maßgebenden Werkstätten, wie das Keramikstudio, die Künstlerkolonie für Emaillekunst oder das Zeichentrickstudio mit ihrem Schaffen. Iskander fand hier eine geistige Basis, die noch bis heute eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt.

Damals ging ich von Einödhof zu Einödhof, besuchte die ganze ungarische Welt der Einzelhöfe und fotografierte. Meine Bilder erschienen in der Literaturzeitung „Forrás“ (Quelle), was mich ungemein freute. Die Landespresse wurde auf mich aufmerksam und man meinte, dass diese Fotos nur von einem Ungarn stammen könnten. Man war der Meinung, dass ein Außenstehender nicht in die Welt der ungarischen Einödgehöfte eindringen könne. Während ich fotografierte, gewann ich die dort lebenden Menschen lieb. Nie werde ich ihre Freundlichkeit und die mit Ehrlichkeit verbundene Gastfreundschaft vergessen. Damals fühlte ich zum ersten Mal, dass ich zu Hause angekommen war.

Iskander gewann mit seinen Fotos im Laufe der Jahre mehrere Hundert Preise. Und er hatte u. A. in Amerika, Indonesien, Kanada, Neuseeland, Algerien, Frankreich und auch in Syrien Ausstellungen. Er meint, das Geheimnis seiner Fotos steckt in dem Respekt, den er seinen Modellen zollt. „Egal, wen ich gerade fotografiere, sei das ein Mensch auf einem Einödhof oder die schönste Frau der Welt, ich verehre sie alle! Ich suche nicht die Sensation im Bild, sondern das Menschliche. In einem Foto formuliere ich all das, was ich sagen möchte. Ich liebe es, die Menschen und damit menschliche Schicksale aufzunehmen. Aber um authentisch und glaubwürdig zu sein, muss ich herabsteigen, mich ihnen nähern. Es gibt kein einziges unter meinen Fotos, hinter dem keine menschliche Geschichte, Story oder eine große Begegnung stecken würde.“

Brücke zwischen zwei Welten

Iskander hatte nie vor, in Ungarn zu bleiben. Mit seinen Kenntnissen und seinem Wissen wollte er nach Syrien zurückkehren. Dennoch blieb er hier „zu Hause“! Nicht nur das Land und die Stadt Kecskemét, sondern die ungarischen Menschen, gewann er lieb.  In Syrien hatte ich gehört, in den ehemalig sozialistischen Ländern fände man keine Menschenliebe, keine Familien. Das widerlegte zuerst eine Großmutter in Istenmezeje, wo ich an einem Fotolager teilnahm. Ich spazierte gerade in der Gegend, als ich eine ältere Frau erblickte, die ihr Enkelkind verabschiedete. Als das Kind wegging, lehnte sich die Großmutter an den Zaun, neigte den Kopf und begann still zu weinen. Von da an wusste ich, dass die Behauptung, hier gäbe es keine Liebe, reine Lüge war.

In Ungarn leben viele arbeitssame, ideenreiche und kluge Leute. Leider lachen sie sehr wenig und haben wenig Zeit für sich selbst und um die Früchte ihrer Arbeit zu genießen.

Iskander übernahm im Laufe der Jahre eine wichtige Vermittlerrolle zwischen der arabischen und ungarischen Welt. Er versucht, die Kontakte zwischen beiden Kulturen mit der Kunst enger zu gestalten. — Ich spreche eine Sprache, die weltweit von rund 300 Millionen Menschen verwendet wird. Mein Ziel ist es, Ungarn in der arabischen Welt bekannt zu machen. Ich bin Korrespondent der Zeitschrift „Blaue Donau“, die monatlich in 20 Ländern erscheint. Ich berichte da über Ereignisse und berühmte Persönlichkeiten in Ungarn. Auf zahlreichen Ausstellungen in der arabischen Welt habe ich schon Ungarn vorgestellt, zu Hause erzähle ich dagegen mit meinen Fotos von der arabischen Welt. Ich glaube fest daran, dass die Kunst imstande ist, einen Weg zwischen den Kulturen zu bahnen.

Orsolya Gál – Lajos Káposzta – Eva-Marie Meissner