Warum ist die Krone schief?

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Eine Humoreske vom ungarndeutschen Journalisten, Siegfrid Brachfeld

  • „Was ist schief?”
  • „Na, die Krone.”
  • „Die Krone? Wieso?”
  • „Na, das Kreuz oben ‘drauf.”
  • „Ach ja, das Kreuz auf der Krone… das kommt daher… warten Sie … das weiß ich eigentlich nicht.”

Dieser Dialog fand neulich zwischen einem Ausländer und seinem ungarischen Begleiter neben der Budapester Mátyáskirche vor dem Reiterstandbild des Königs Stephan statt. Er sitzt dort auf einem prachtvoll geschmückten Pferd, das Haupt bekränzt mit der vom Papst verliehenen Krone, auf deren Spitze das Kreuz schräg nach links verbogen ist.

Also warum ist das Kreuz schief? Eher können manche Budapester wahrscheinlich begründen, warum die Banane nicht gerade ist, als auf diese Frage eine Antwort zu geben. Aber wenn das ungarische Krönungskronenkreuz schon schief steht, sollte man diesem Kuriosum doch auf den Grund gehen oder sich von der Legende belehren lassen.

So hört denn: Es geschah zu jener Zeit, da Ladislaus IV, der Kumane, ermordet wurde, nämlich im Jahre 1290, und Andreas III, Enkel Andreas’ II, auf den Thron gelangte, nebst Verlobung der Tochter von Andreas mit Wenzel III, von Böhmen. Auch andere hatten es auf den ungarischen Thron abgesehen. Einer von ihnen wollte sogar die nicht mehr zu haltende Krone dem Herzog von Bayern überlassen… Einfacher gesagt: Nach Ladislaus’ des Kumanen Tod hatte der jüngere Andreas, ein Herzog, dem älteren, dem Onkel, den er von seinem angestammten Platz verdrängen
wollte… der der Enkel… Genauer: Wenzel II. von Böhmen, gekrönt als Ladislaus, nahm die Krone mit nach Prag, als Andreas III. gestorben war und Otto von Bayern sowie…

Kurzum, die Krone war weg. Nicht das erste und auch nicht das letzte Mal in ihrer Geschichte. Später dann, im Jahre 1440 soll eine Dame aus dem engeren Kreis des Hofes diese Krone unter ihren weiten Röcken aus der Hochburg von Visegrád entwendet und auf Befehl der verwitweten Königin Elisabeth von Luxemburg auf diese Weise nach Komárom gebracht haben, wo am nächsten Tag die Krönung des neugeborenen Königssohns als Ladislaus V. erfolgte. Danach wurde er samt Krone sogleich ins Ausland gebracht. Inzwischen war bereits das Kronenkreuz leicht verbogen. Wie es passiert ist und wo und wann? Ob schon früher oder unter den Röcken der Hofdame auf dem Hin-, oder aber durch schlechte Verpackung auf dem Rückweg, darüber steht in den Chroniken nichts. Es heißt, alle späteren Könige und Kaiser sowie deren Mörder, Widersacher nebst allen Abkömmlingen hätten aus lauter Pietät das Kreuz so schief gelassen. Im Übrigen ist die Krone, während ich dies schreibe, wieder einmal zu Haus. Am Ende des zweiten Weltkrieges geriet sie samt schiefem Kreuz – via Pfeil- und Hackenkreuzanhänger – in die USA und kam erst Anfang 1978 zurück. Aber das ist schon eine andere, eine ganz und gar nicht schiefe Geschichte.

Heimkehr der ungarischen Krone – Empfang im Parlament im Januar 1978

Also, nun wissen Sie’s und können die Sache mit der Krone weitererzählen, falls Sie danach gefragt werden. Sogar besichtigen können Sie sie samt schiefem Kreuz, Krönungsinsignien sowie Krönungsmantel. Wir werden Sie zwar nie wieder benötigen für einen König, doch gibt es bei uns heute Leute, die kiskirály = kleiner König genannt werden, und denen zur Vervollständigung ihres Habitus nur eben diese Krone auf dem Haupte zu fehlen scheint.

Siegfrid Brachfeld