Der Krieg vor 75 Jahren in Ungarn

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„Malenkij Robot“ = eine kleine Arbeit

Die „kleine Arbeit” (wie man in Ungarn nannte, “malenkij robot”), zu der die Sowjettruppen die ungarische Bevölkerung nach der „Befreiung” zusammengetrieben haben, hat den Glücklichen 3-bis 6 Lebensjahre gekostet. Vielen hat es aber das Leben gekostet! Entweder unterwegs in den Viehwaggons oder im kalten russischen Winter oder wegen der schlechten Bedingungen starben mehr als einhunderttausend Ungarn im sowjetischen Bruderland. Besonders schwer war das Schicksal derjenigen, die deutscher Abstammung waren. In Nadwar/Nemesnádudvar hat man am 9. Januar 2005 das 60. Jubiläum der Verschleppung der „Schwaben“ begangen.

1945: Kriegsende in Ungarn, und was danach kam…

Nachdem die provisorische neue ungarische Regierung in Debrecen am 22. Dezember 1944 gebildet worden ist, musste diese innenpolitische Großkoalition zahlreiche Probleme bekämpfen. Da in Westungarn und in der Hauptstadt noch die Faschisten (ungarische Pfeilkreuzler – „nyilaskeresztesek“) und ihre deutschen Verbündeten an der Macht waren, war ihre Befugnis territorial eingeschränkt. Es war klar, dass sie von den westlichen Alliierten wenig Unterstützung erhoffen konnten und die sowjetischen Besatzer Ungarn als feindliches Land behandeln würden, das den Krieg verloren hat und büßen muss. Es ist nicht gelungen, ungarische Truppen auf sowjetischer Seite in der Spätphase des Krieges gegen Hitlerdeutschland einzusetzen. Die ungarischen Männer wurden von Moskau schon längst für einen anderen Einsatz auserwählt, für eine „kleine Arbeit“, ganz tief im Stalinistischen Reich.

Dabei waren sowohl die ungarischen als auch die sowjetischen Machthaber einig, dass die Deutschen — egal, wo sie leben — Kriegsverbrecher sind, die wegen der Schäden und Leiden Genugtuung üben müssen. Das war das Schicksal der damals in Ungarn lebenden etwa 300-400.000 Deutschstämmigen! Ein Teil von ihnen hatte nur einen deutschen Familiennamen, sprach aber längst ungarisch. Das war der Fall z. B. in Soltvadkert, wo sich 1941 bei der Volkszählung nur etwa 40 Personen zum Deutschtum bekannt hatten. Es gab aber mehrere homogene, nicht assimilierte Gegenden, wo in jedem Dorf die 200 Jahre alte deutsche Mundart gesprochen wurde…

Die Ungarndeutschen lebten hauptsächlich in Dörfern und kannten sich in der Weltpolitik nicht immer aus. Sie hatten ihre Religion, ihre Tradition und ihre Sprache, obwohl in der Schule auch die Landessprache unterrichtet wurde. Der Krieg kam Ende Oktober 1944 auch in den nordbatschkaer Dörfern an und die Schwaben wurden vielerorts bedroht. Die Besatzungstruppen kamen gern in solche Siedlungen, wo die Leute reich waren und bei den Schwaben war das Vermögen größer als sonst. Plünderungen, Gewalttaten und Raub sind Begleiterscheinungen des Krieges, aber was danach kam, war in Ungarn bis zur Sowjetzeit unvorstellbar.

Wie geschah es z. B. in Nadwar / Nemesnádudvar?

Ortshistoriker und pensionierter Schuldirektor, Simon Kishegyi erzählte folgendes über die damaligen, traurigen Ereignisse: Vor Weihnachten 1944 kam der Befehl vom sowjetischem Kreisbefehlshaber in das Dorf, dass alle Einwohner zwischen 18 und 45 Jahren, d. h. sowohl Männer als auch Frauen zur kommunalen Arbeit eingezogen werden. Sie sollten sich mit warmer Kleidung und Verpflegung für zwei Wochen an einem gewissen Sammelpunkt melden. Der Kleinrichter hat aber vergebens getrommelt, es ließen sich nur einige registrieren. Die festgelegte Quote wurde bis zum 8. Januar 1945 eingetrieben und da dafür noch einige Helfer fehlten, wurde auch das Personal von den Sowjets tätig, das im Dienste der Gemeinde stehend zur provisorischen Ortspolizei gehörte.

So kamen die 200 Personen, nämlich 157 Männer und 43 Frauen zusammen. Sie wurden nach Kiskunhalas transportiert, und im in der Kaserne eingerichteten Lager mit anderen Leidensgenossen aus Tschaßartet, Harta, Soltvadkert und Hajós eingesperrt. Es wurde von sowjetischen Soldaten bewacht, und als das Verfrachten in die Waggons begann, wurde den meisten klar, dass diese „malenkij robot“ eine lange Zwangsarbeit in der Sowjetunion heißen wird. Je 30 Gefangene wurden in den unbeheizten, geschlossenen Viehwaggons gepfercht, ohne die minimalsten hygienischen Voraussetzungen. Da tagsüber die Züge nicht fuhren, konnten einige, genau 18 Männer, flüchten. In Nadwar angekommen, wurden sie von den Behörden sofort interniert. Anstelle der Geflüchteten jagten die Sowjets andere Zivilisten zum Ort, wo die Flucht entdeckt worden war.

Die Fahrt dauerte einen Monat. Endstation war Kriwoj Rog, der Donbass. Hier wurden die Gefangenen in miserablen Baracken untergebracht, Männer und Frauen separiert. Nach der Ankunft begann die Verteilung der Arbeitskräfte, Bergwerk, Holzfällen oder Kolchosarbeit (LPG). Die 182 Nadwarer gerieten hauptsächlich zur härtesten Arbeit, in die Miene. Bereits im ersten Jahr sind viele gestorben. Die armen Bauern verstanden von der Bergbauarbeit gar nichts und litten unter der extremen Kälte. Leichen wurden nicht sofort begraben, sondern in einer separaten Baracke gelagert. Manchmal wurde eine Nacht für die Aushebung eines Massengrabes bestimmt, wo die kräftigeren Kameraden ihre Verstorbenen in der gefrorenen Erde begraben mussten. Es gab kein Glockengeläut und keine Messe für sie.

Nach 2-3, sogar 8 Jahren Zwangsarbeit durften diese Gefangenen nach Hause kommen. Von den 182 Personen sind 66 gestorben. Die Mehrheit der 116 Ankömmlinge hatte in Nadwar kein Zuhause mehr. Ihre Häuser wurden enteignet, die Familie lebte als Kriegsverbrecher irgendwo in einer Scheune oder einem Stall. Es hat Jahre lang gedauert, bis sich die Lage konsolidierte — wie in jedem ungarndeutschen Dorf, wo die Bevölkerung in den Nachkriegsjahren nicht nach Deutschland verschleppt worden war. 2005 gab es noch 16 Überlebende, von denen 8 noch in Nadwar leben.

All deren Namen, die in der Gefangenschaft gestorben waren, sind an der 2005 eingeweihten Gedenktafel zu lesen — nicht nur in Nadwar, sondern in zahlreichen anderen (ehemals) schwäbischen Dörfern im Land.

Lajos Káposzta